Evolution der Primaten: Paromomyidae

Zeitraum: mittleres Paläozän bis frühes Eozän
Verbreitung: Nordamerika, Europa
Gattungen: Paromomys
Ignacius
Phenacolemur
Elwynella
Simpsonlemur
Dillerlemur
Pulverflumen
Arcius
Systematik
ein aus

Die Mitglieder der Familie Paromomyidae sind eine ausgestorbene, spezialisierte Gruppe von archaischen Primaten, die einige Merkmale mit der Familie Plesiadapidae (Unterordnung Plesiadapiformes) teilen.

Sie umfassen über ein halbes Dutzend Gattungen, die vom Paläozän bis zum mittleren Eozän in Nordamerika und im frühen mittleren Eozän in Eurasien verbreitet waren. Die Tiere hatten relativ breitere und flachere Backenzähne als die meisten Plesiadapiformes sowie einen unverwechselbaren, unteren vierten Prämolaren mit hohen, einzelnen Trigonid-Höckern. Das primitivste Mitglied dieser Familie ist Paromomys aus dem mittleren Paläozän. Die anderen Gattungen scheinen das Ergebnis von unabhängigen parallelen Entwicklungslinien zu sein.

Paramomyiden waren kleine bis mittelgroße Primaten deren untere mittlere Schneidezähne lang und schmal waren. Bei den Gattungen Phenacolemur, Ignacius und Arcius sind die Eckzähne und die vorderen Prämolare reduziert oder nicht vorhanden, was eine große Lücke (Diastema) zwischen den Schneidezähnen und den Backenzähnen zur Folge hat.

Die Funktion des großen unteren Schneidezahns, der mit den gerundeten oberen Schneidezähnen abschließt, ist bislang nicht bekannt. Einige Autoren sehen Ähnlichkeiten mit den Schneidezähnen von Spitzhörnchen und schlagen vor, dass ihre Funktion in Zusammenhang mit einer insectivoren Ernährung steht, andere sind der Meinung, dass sie dazu verwendet wurden, Bäume anzubohren um an die Baumsäfte zu gelangen.

Von Ignacius und Phenacolemur sind teilweise erhaltene Schädel gefunden worden. Bei diesen beiden Gattungen ist das Gesicht lang und schmal und verfügt über eine mit vielen Nerven durchzogene Schnauze, die möglicherweise mit Tasthaaren versehen war. Von den Paromomyiden gibt es nur wenige postcraniale Knochen.

Paromomyiden sind die einzigen nichtmenschlichen Primaten, die sich bis jenseits des Polarkreises ausgebreitet haben [1][2]. Während des frühen Eozäns lebte z.B. ein Paromomyide, der Ignacius ähnelte aber viel größer war, auf Ellesmere Island auf 78 ° nördlicher Breite.

Der Schädel der Paromomyiden aus dem frühen Eozän ist der Wissenschaft durch Überreste der Spezies Ignacius graybullianus bekannt. Die Art hatte eine lange, schmale Schnauze, einen niedrigen Saggital-Kamm und weit ausladende Jochbeine. Durch den Einsatz von ultrahochauflöser Röntgentomographie entdeckten Wissenschaftler eine knöcherne Röhre, deren Struktur sehr an heute lebende Primaten und Spitzhörnchen erinnert, jedoch weniger Ähnlichkeit mit Dermoptera (Riesengleiter) hat [3].

Ignacius und Phenacolemur hatten schlanke Gliedmaßen und zeigten Spezialisierungen an Füßen und Händen, einschließlich relativ langer Finger und Zehen. Einige Wissenschaftler interpretierten diese Merkmale dahingehend, dass eine gewisse Fähigkeit zum Gleiten von Baum zu Baum vorhanden war. Sie sind der Meinung, dass es sich dabei um Apomorphien [?] handelt, die sie mit den heutigen Riesengleitern (Dermoptera) Südostasiens teilen [4]. Jedoch sind die Merkmale, die auf solche verwandschaftliche Beziehungen hindeuten könnten, sehr rar, und die Annahme ist auf viel Kritik gestoßen.

Die Gleiter-Hypothese ist vielfach angefochten worden. Denn die Gliedmaßen sind relativ kürzer und robuster als die der heute lebenden Gleiter, was sie nicht in die Lage versetzte, auf die gleiche Art und Weise zu gleiten [5]. Darüber hinaus stellte man fest, dass Struktur und Proportionen der Hände und Füße von Paromomyiden eher auf vertikales Klettern und Greifen ausgerichtet waren und nicht die Proportionen der heute lebenden Riesengleiter, wie z.B. Cynocephalus volans von den Philippinen, aufwiesen [6]. Daraus kann gefolgert werden, dass wenn Paromomyiden eine Flughaut (Patagium, engl. gliding membran) besaßen, die Finger offensichtlich nicht integriert waren.

Die Mehrzahl der Hinweise deutet also darauf hin, dass die Paromomyiden zwar deutlich an ein Leben in den Bäumen angepasst waren, jedoch keine zwingenden Beweise vorliegen, dass sie Gleiter waren. Ein teilweise erhaltenes Skelett von Acidomomys, das aus der Zeit vor 56 bis 55 Millionen Jahren stammt und von dem die wesentliche Teile der vorderen Gliedmaßen vorhanden sind, könnte dazu beitragen, Klarheit zu schaffen [7].

[1] M. C. McKenna. 1980. Eocene paleolatitude, climate and mammals of Ellesmere Island. Palaeogeogr., Paleoclimatol., Palaeoecol. 30

[2] L. J. Hickey, R. M. West, M. R. Dawson, and D. K. Choi. 1983. Arctic terrestrial biota: Paleomagnetic with mid-northern latitudes during the late Cretaceous and early Teriar. Science 221

[3] M. T. Silcox. 2003. New discoveries on the middle ear anatomy of Ignacius graybullianus (Paromomyidae, Primates) from ultra high resolution X-ray computed tomography. JHum Evol 44

[4] K. C. Beard. 1990. Gliding behavior and palaeoecology of the alleged primate familie Paromomyidae (Mammalia, Dermoptera). Nature 345
      K. C. Beard. 1993. Origin and evoltion of gliding in Early cenozoic Dermoptera (Mammalia, Primatomorpha). In: MacPhee R.D.E. (ed)      Primates and their relatives in phylogenetic perspective. Plenum Press, New York

[5] J. A. Runestad, C. B. Ruff. 1995. Structure adaptations for gliding in mammals with implications for locomotor behavior in paromomyids. American Journal of Physical Anthropology 98

[6] M. W. Hamrick, B. A. Rosenman, and J. A. Brush. 1999. Phalangeal morphology of the Paromomyidae (?Primates, Plesiadapiformes): The evidence for gliding behavior reconsidered. American Journal of Physical Anthropology 109

[7] J. I. Bloch und D. M. Boyer. 2001. Taphonomy of small mammals in freshwater limestones from the Paleocene of the Clarks Fork Basin, Wyomin, in: Palecene-Eocene Stratigraphy and Biotic Change in the Bighorn and Clarks Fork Basins, Wyoming, vol. 33, P. D. Gingerich, ed., University of Michigan Papers on Paleontology.

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