Evolution der Primaten: Gattung Pierolapithecus

Zeitraum: Miozän
Verbreitung: Europa
Art: P. catalaunicus
Schwestertaxa Lufengpithecus
Oreopithecus
Sahelanthropus
Australopithecinae
Dryopithecinae
Homininae
Ponginae
Praeanthropinae
Presbytina
Teilschädel des Pierolapithecus catalaunicus © Science
Systematik
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Pierolapithecus ist der Gattungsname eines ausgestorbenen Menschenaffen, der im Miozän in Europa verbreitet war.

Die großen Menschenaffen, zu denen Orang-Utans, Schimpansen, Gorillas und Menschen gehören, haben sich aus einer Gruppe primitiver Menschenaffen entwickelt, die vor 11 - 16 Millionen Jahren große Teile Eurasiens bevölkerten. Soviel scheint festzustehen, jedoch sind die fossilen Spuren aus dieser Zeit, dem mittleren Miozän, recht spärlich. Die größte Lücke umspannt den Zeitraum vor 14 bis 7 Millionen Jahren, an dessen unteren Ende sich scheinbar bereits der aufrechte Gang entwickelt hatte.

Die Überreste von Pierolapithecus catalaunicus, so der Artname, gehörten wahrscheinlich zu einem Männchen, das etwa 35 Kilogramm wog, und sich von Früchten ernährte, was man an der Form seiner Zähne erkennen kann. Der untere Teil der Wirbelsäule war wie bei Menschenaffen steif, was den Körperschwerpunkt beeinflußt und es den Tieren erleichtert, eine aufrechte Körperhaltung einzunehmen und auf Bäume zu klettern. Die aufrechte Körperhaltung der frühen Menschenaffen war Vorraussetzung für die nächste große anatomische Veränderung, dem aufrechten Gang.

Salvador Moyà-Solà vom Miguel Crusafont Institut für Paläontologie in Barcelona, Spanien leitete das Team, das die Fossilien entdeckte. Er und seine Kollegen wollten gerade anfangen an einem neuen Fundort in der Nähe von Barcelona zu graben, als sie das erste Stück des Skeletts entdeckten. Es war ein Eckzahn, der aus der Erde ragte, die zuvor von einem Bulldozer aufgewühlt wurde, um die Grabungen vorzubereiten. "Paläontologen in Spanien sagen, nicht wir haben das Fossil gefunden, das Fossil hat uns gefunden!" berichtet Moyà-Solà in einer Pressekonferenz.

Was die Forscher dann entdeckten, ist bekannt: eins der komplettesten Skelette aus der Zeit des mittleren Miozän. Fossilien aus dieser Zeit gibt es nur wenige, Forscher haben schon lange nach jenen Primaten gesucht, die nach der Trennung der Großen Menschenaffen und der Kleinen Menschenaffen (Gibbons) auftauchten. Die spärlichen Fossilfunde haben mehrere Anwärter auf den gemeinsamen Vorfahren enthüllt, einschließlich Kenyapithecus und Equatorius oder die älteren Morotopithecus und Afropithecus, beide aus der Familie Proconsulidae. Doch die bis heute bekannten Fossilien zeigen, dass diese Menschenaffen primitiver als Pierolapithecus waren (Moyà-Solà et al., 2004).

Letzter gemeinsamer Vorfahr?

Fossiler Schädel von Pierolapithecus catalaunicus

Die Bedeutung dieser neuen Fossilien liegt darin, dass zum ersten Mal alle wichtigen Skelettelemente, die moderne Menschenaffen definieren, gut erhalten sind, Dazu gehören Teile des Schädels, des Brustkorbs, der Wirbelsäule, Hände und Füße sowie einige andere Stücke (siehe Abbildung).

Vor allem weist dieser Menschenaffe spezielle Anpassungen auf, die wichtig für das Klettern auf Bäume sind. Pierolapithecus hatte einen breiten, flachen Brustkorb, eine steife, untere Wirbelsäule, flexible Handgelenke und Schulterblätter, die entlang dem Rücken lagen. Diese Eigenschaften hätten dazu beigetragen, dass Pierolapithecus eine aufrechte Körperhaltung einnehmen und gut klettern konnte, sagen die Forscher. Die primitivere Gruppe der Affen hat generalisiertere, vielseitige Bewegungsfähigkeiten und zeigen nicht diese besonderen Merkmale.

Fossiler Schädel von Pierolapithecus catalaunicus

Der Brustkorb ist laut Moyà-Solà et al. (2004) der wichtigste anatomische Teil dieses Fossils, der erhalten blieb. Es ist das erste Mal, dass ein modern wirkender, menschenaffenähnlicher Thorax entdeckt wurde. Der Brustkorb von Pierolapithecus catalaunicus ähnelt dem eines modernen Menschenaffen, weil er breiter und flacher als der eines Tieraffen ist. Bei Fossilien von anderen Menschenaffen, wie Proconsul oder Equatorius, sind zwar ebenfalls einige Rippenfragmente enthalten, aber die Anatomie ist primitiv, ganz wie bei Tieraffen.

Darüber hinaus liegen die Schulterblätter von Pierolapithecus auf dem Rücken, wie bei modernen Menschenaffen und Menschen. Bei Affen liegen die Schulterblätter an den Seiten des Brustkorbes, ähnlich wie bei Hunden. Der Lendenbereich der unteren Wirbelsäule ist sowohl bei Pierolapithecus als auch bei modernen Menschenaffen kurz und steif und unterscheidet sich daher von der Wirbelsäule eines Tieraffen, die flexibler ist. Diese Anpassungen machen es leichter eine aufrechte Haltung einzunehmen und auf Bäume zu klettern, sagen die Forscher. Weiterhin artikuliert (=flexibel verbunden) nur einer der beiden Unterarmknochen mit dem Handgelenk, eine Eigenschaft, die ein hohes Maß an Handrotation erlaubt und möglicherweise beim Klettern hilfreich war.

Der Schädel von Pierolapithecus hatte eine deutliche Ähnlichkeit mit Großen Menschenaffen. Das Gesicht ist relativ kurz und obere Nasenbereich liegt etwa auf gleicher Höhe mit den Augen. Bei Affen ragt die Nase zwischen den Augen hervor, was das Sehfeld mehr einschränkt.

Wegen des Fehlens von Fossilien aus dem mittleren Miozän stimmen nicht alle Forscher mit Moyà-Solà et al. (2004) überein, dass Pierolapithecus der letzte geimensame Vorfahr der heutigen Menschenaffen war. In einem News-Artikel in Science geben Begun und Ward (2005) zu bedenken, dass bestimmte Gesichtszüge von Pierolapithecus sehr stark an eine afrikanische Gruppe von Menschenaffen erinnern, die schließlich zu Schimpansen und Menschen führte.

Affenähnliche Merkmale von Pierolapithecus

Pierolapithecus hatte aber auch einige primitive Merkmale, die eher an Tieraffen erinnern. Dazu gehören ein geneigtes Gesicht sowie kurze Finger und Zehen. Moyà-Solà et al. (2004) glauben, dies ist ein Zeichen dafür ist, dass sich verschiedene Merkmale getrennt voneinander und vielleicht mehrmals in der Evolution der Menschenaffen entwickelten.

Zum Beispiel denkt man oft, dass sich die Fähigkeit zu Klettern und zu Hangeln gemeinsam entwickelt haben müssten, aber die kurzen Finger von Pierolapithecus zeigen, dass er wohl nicht allzu oft mit seinen Armen von den Ästen herabhing, sagen die Forscher. Diese Eigenschaften könnten sich mehrmals entwickelt haben und sich erst spät bei den Großen Menschenaffen gezeigt haben, schlagen die Forscher vor.

S. Moyà-Solà, M. Köhler, D. M. Alba, I. Casanovas-Vilar, and J. Galindo. 2004. Pierolapithecus catalaunicus, a new Middle Miocene great ape from Spain. Science 306:1339-1344

D. R. Begun, C. V. Ward. 2005. Comment on "Pierolapithecus catalaunicus, a New Middle Miocene Great Ape from Spain". Science 308: p. 203. DOI: 10.1126/science.1108139

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