Sahelanthropus tchadensis

Zeitraum: Miozän
Verbreitung: Nordafrika
Sahelanthropus tchadensis: Dieser 6 - 7 Millionen Jahre alte Schädel wurde im Tschad gefunden. © Oryctes, Lizenz
Art: S. tchadensis
Systematik
ein aus
 

Sahelanthropus tchadensis ist ein ausgestorbener Menschenaffe aus der Familie Hominidae, der im späten Miozän im nördlichen Zentralafrika verbreitet war. Seine Überreste werden auf ein Alter von etwa 7 Millionen Jahre datiert.

Das Typusexemplar mit der Bezeichnung TM 266-01-060-1 ist ein fast kompletter Schädel aus Sandsteinsedimenten bei Toros-Menalla im Tschad. Sahelanthropus, von dem es augenscheinlich nur diesen teilweise erhaltenen Schädel gibt, ist einer breiten Öffentlichkeit als Toumaï bekannt geworden, was in der lokalen Sprache der Dazaga im Tschad "Hoffnung auf Leben" bedeutet.

Es ist unklar, ob Sahelanthropus tchadensis zu der Linie gehört, die zu den Australopithecinen und somit zu Homo führt, wie in der Erstbeschreibung aus dem Jahr 2002 behauptet wird. Teil der Schwierigkeiten bei der Einordnung von Sahelanthropus ist unter anderem, dass die Fossilien älter sind als die aufgrund genetischer Analysen schätzungsweise vor 6,3 bis 5,4 Millionen Jahren stattgefundene Trennung der Menschenlinie von der Schimpansenlinie (BBC News, 2006). Einige Paläoanthropologen interpretierten daher den Fund als einen fossilen Menschenaffen, der – wenn überhaupt – allenfalls ein früher Vorfahre von Gorillas oder Schimpansen war (Wolpoff et al., 2002). Von einem Co-Autor der Erstbeschreibung wurde im Jahr 2008 darauf hingewiesen, dass die Datierung des Schädels unsicher sei, da er auf losem Sandboden lag, und somit ein schwer zu datierender "Oberflächenfund" ist (A. Beauvilain, 2008).

Die Fossilien - ein relativ kleiner Schädel, fünf Kieferfragmente und einige Zähne - weisen eine Mischung aus abgeleiteten und primitiven Merkmalen auf. Die Hirnschale hat ein Volumen von 320 bis 380 Kubikzentimeter, sie ähnelt einem heute lebenden Schimpansen und ist deutlich kleiner als die Hirnschale der ersten Frühmenschen (500 bis 650 Kubikzentimeter bei Homo habilis). Zu den Merkmalen des Schädels gehören ein flaches Gesicht, u-förmige Zahnreihen, kleine Eckzähne, ein nach vorne verlagertes Foramen magnum und ausgeprägte Augenbrauenwülste.

Der Verschleiß der Eckzähne ist ähnlich wie bei anderen miozänen Menschenaffen (Brunet et al. 2002), so kann man davon ausgehen, dass sich Sahelanthropus von Früchten ernährte.

Es gibt keine postcranialen Skelett-Elemente, die eine Fortbewegung auf zwei Beinen direkt beweisen könnten, jedoch läßt die Position des Foramen magnum diese Möglichkeit zu. Es scheint jedoch neben dem Schädel ein Oberschenkelknochen zu existieren, der aber nie veröffentlicht wurde (J. D. Hawks, 2011 - online).

Die Umgebung, in der Sahelanthropus lebte, konnte mit Hilfe von Fossilien anderer Tiere und Pflanzenarten recht genau rekonstruiert werden (Vignaud et al., 2002). So fand man in unmittelbarer Nähe die Überreste von mehr als zehn Arten von Süßwasserfischen, ebenso von Amphibien, Schildkröten, Krokodilen und auch einige Knochen von anderen Primaten sowie von Nagetieren, Elefanten, Giraffen, Pferden, Schweinen und Horntieren. Die häufigsten Raubtiere waren fossile Hyänen. Von fast allen Fischen gibt es verwandte Arten im heutigen Tschadsee, Überreste von Vögeln wurden in den Sedimenten nicht gefunden.

Die Sedimente, in denen Sahelanthropus und seine fossilen Zeitgenossen eingebettet waren, deuten auf eine Dünenlandschaft mit flachen Seen hin, deren Ausdehnung sich nach starken Regenfällen ernorm vergrößern konnte. Viele der entdeckten Tierarten sowie zahlreiche Fossilien von Pflanzen zeigen, dass die Gewässer von Galeriewäldern und angrenzenden Savannen umgeben waren.

Brunet M., Guy F., Pilbeam D., Mackay H.T., Likius A., Djimboumalbaye A. et al. 2002. A new hominid from the upper Miocene of Chad, central Africa. Nature, 418:145-51.

P. Vignaud, P. Duringer, H. T. Mackaye, A. Likius, C. Blondel, J.-R. Boisserie, L. Bonis, V. Elsenmann, M.-E. Etienne, D. Geraads, F. Guy, T. Lehmann, F. Lihoreau, N. L.-L. Martinez, C. Mourer-Chauvier, O. Otero, J.-C. Rage, M. Schuster, L. Viriot, A. Zazzo, and M. Brunet. 2002. Geology and paleontology of the Upper Miocene Toros-Menalla hominid locality, Chad. Nature 418:152-155

Y. Haile-Selassie, G. Suwa, T. D. White. 2004. "Late Miocene Teeth from Middle Awash, Ethiopia, and Early Hominid Dental Evolution". Science 303 (5663): 1503–1505. doi:10.1126/science.1092978.

M. H. Wolpoff et al. 2002. Palaeoanthropology (communication arising): Sahelanthropus or 'Sahelpithecus'? In: Nature 419:581-582, doi:10.1038/419581a

A. Beauvilain. 2008. The contexts of discovery of Australopithecus bahrelghazali (Abel) and of Sahelanthropus tchadensis (Toumaï): unearthed, embedded in sandstone, or surface collected? In: South African Journal of Science 104, (5–6):165–168,

"Evolution's human and chimp twist". BBC. May 18, 2006. Retrieved April 2010.

J. D. Hawks. Sahelanthropus: The femur of Toumaï? Online August 2011

Creative Commons License
Alle Texte dieser Homepage sind unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert. - Bildlizenzen sind getrennt angegeben -
Weitere Infos: Kontakt - Siteinfo - User online 6   gestern 205   heute 40 - Letztes update: 01.11.2011 um 06:47