Evolution der Primaten: Gattung Dryopithecus

Zeitraum: Miozän
Verbreitung: Asien, Nord- und Ostafika
Arten: D. brancoi
D. fontani
D. mogharensis
Schwestertaxa Limnopithecus
Udabnopithecus
Afropithecini
Kenyapithecini
Systematik
ein aus
Unterkiefer von Dryopithecus fontani
Unterkiefer Dryopithecus fontani aus dem mittleren Miozän, gefunden in Saint-Gaudens, Frankreich. Dieser Abguß ist im Museum national d'histoire naturelle in Paris ausgestellt. © Utilisateur:120, Lizenz

Dryopithecus ist der Gattungsname einer Reihe ausgestorbener Menschenaffen, die im mittleren bis späten Miozän in Eurasien sowie in Nord- und Ostafrika verbreitet waren.

Dryopithecus erreiche eine Körperlänge von etwa 60 Zentimetern und ähnelte im Gesamtbild schon mehr einem heutigen Menschenaffen als einem Affen. Allerdings zeigt die Struktur seiner Glieder und Gelenke, dass er sich nicht etwa wie ein Schimpanse auf den Knöcheln fortbewegte, sondern beim Gehen die gesamte Handfläche auf dem Boden aufsetzte (Begun, 2004).

Dryopithecus dürfte die meiste Zeit seines Lebens in den Bäumen verbracht haben und konnte sich wahrscheinlich wie ein Orang-Utan von Ast zu Ast hangeln. Dies zeigt besonders das voll streckbare und während des gesamten Bewegungsablaufs den Arm stabilisierende Ellenbogengelenk. Unter den Primaten haben dieses Merkmal einzig die Menschenaffen. Sie können dadurch allein an den Armen, sogar an einem Arm, hängen und sich mit abwechselndem Einsatz beider Arme in Schwüngen durchs Geäst bewegen. Dem Menschen erlaubt diese anatomische Besonderheit, weit und zielgenau zu werfen. Die Gliedmaßen von Dryopithecus wiesen etliche weitere Anpassungen an das Hangeln auf, ebenso Hände und Füße, mit denen er vorzüglich greifen konnte. So zeigen die bislang entdeckten Skelettelemente eine postcraniale Anatomie, die mehr Ähnlichkeit mit heute lebenden Hominoiden hatte als beispielsweise mit den Proconsulidae oder Pliopithecus (Morbeck, 1983).

Dryopithecus ist der älteste derzeit bekannte Hominoide, dessen Überreste auf ein Alter von etwa 12,5 Millionen Jahren datiert werden und von vielen Fundorten in Frankreich und Spanien bekannt ist. Ein erstes Exemplar wurde zunächst von Édouard Armand Lartet (einem Schüler von Cuvier) im Jahre 1856 beschrieben und bestand aus einem Unterkiefer und dem Schaft eines Oberarmknochens (Humerus).

Obwohl sich im Laufe der nächsten 100 Jahre immer mehr fragmentarische Fossilien angesammelt hatten, blieb die Rolle der Dryopithecinen in der Evolution der Menschenaffen und Menschen unklar. Dies änderte sich mit Beginn der 1970er Jahre, als bessere Exemplare entdeckt wurden. Ein sensationeller Fund eines wahrscheinlichen Dryopithecinen (Pierolapithecus) gelang Moyà-Solà et al. (2004) in Spanien. Vom Skelett dieses Menschenaffen waren viele Teile der Wirbelsäule, Rippen, Handgelenke und Hände sowie ein großer Teil des Gesichts erhalten. Die Wirbel und Rippen weisen auf einen menschenaffenähnlichen Körper hin und die Handgelenke und Hände zeigen, dass dieses Tier ein kraftvoller Kletterer war - mit flexiblen Gliedern und wahrscheinlich dazu fähig, wie heute lebende Menschenaffen unter den Ästen zu hangeln (Moyà-Solà et al., 2004). Der Humerus aus der Sammlung Lartets ist wie bei heutigen Menschenaffen lang und schlank und war wahrscheinlich länger als die Hinterbeine. Ein weiteres Skelett einer verwandten Art enthält Teile der Arme und Beine und zeigt deutlich die menschenaffenähnlichen Proportionen der Gliedmaßen (lange Arme und kurze Beine).

Zähne

Wie seine heutigen Vettern besaß Dryopithecus einen Kauapparat, der sich ideal zum Zerkleinern weicher, reifer Früchte eignete. In den langen kräftigen Kiefern saßen große Schneidezähne, schaufel-, nicht dolchförmige Eckzähne sowie hohe Prämolare und Molare mit relativ einfacher Kaufläche. Ein fünfhöckriges Muster mit einer Y-Furche auf den Backenzähnen (Dryopithecinenmuster), was für die frühen Hominoiden typisch ist, gilt als ein Schlüsselmerkmal und ist ein wichtiges Unterscheidungskriterium fossiler Primatenfunde. Tieraffen: 4 Höcker, Menschenaffen und Australopithecus: 5 Höcker, Homo: 6 Höcker (Schrenk, 2010).

Die Kiefer und Zähne von Dryopithecus und seiner nahen Verwandten sind oft untersucht worden und daher gut bekannt. Sie ähneln denen von Schimpansen, was schon Lartet vor langer Zeit erkannte. Die Struktur der Zähne mit ihrem dünnen Zahnschmelz und weit auseinander liegenden Höckern wird als Anpassung an eine weiche Früchtenahrung verstanden. Die Kiefer sind schlanker als bei Sivapithecus, ebenso die Ansatzstellen aller Muskelgruppen. Mit seinen vorderen Zähnen war Dryopithecus sicherlich auch in der Lage, harte Schalen aufzubeißen, was ihm weitere Möglichkeiten der Ernährung eröffnete.

Die unteren Prämolaren des Dryopithecus sind breiter als die von primitiven Anthropoidea oder heute lebenden Gibbons und die oberen Prämolaren sind länger. Die molare Morphologie scheint gewissermaßen ein Mittelding zwischen dem frühen Proconsul aus Afrika und dem späteren Sivapithecus aus Asien zu sein. Die oberen Molaren von Dryopithecus sind nicht so breit wie die der urtümlichen Menschenaffen aus dem frühen Miozän (oder des Pliopithecus), und sie haben oft nur ein teilweise ausgeformtes linguales Cingulum. Weiterhin unterscheidet sich Dryopithecus von Sivapithecus durch den dünnen Zahnschmelz, von dem die Backenzähne überzogen sind, durch grazile Eckzähnen, ein relativ kurzes Zwischenkieferbein und einen relativ grazilen Unterkiefer. Wie bereits erwähnt, deuten die breiten, abgerundeten Höcker auf den Backenzähnen auf eine überwiegend frugivore (=aus Früchten bestehende) Ernährung hin.

M. E. Morbeck. 1983. Miocene hominoid discoveries fom Rudabanya: Implications from the post cranial skeleton. In: New Interpretations of Ape and Human Ancestry, ed. R. L. Ciochon and R. Corruccini, pp. 360-404. New York: Plenum Press. ISBN 978-0306410727

Begun, David R. (2004). "Sivapithecus is east and Dryopithecus is west, and never the twain shall meet". Anthropological Science 113 (1): 53–64. doi:10.1537/ase.04S008.

S. Moyà-Solà, M. Köhler, D. M. Alba, I. Casanovas-Vilar, and J. Galindo. 2004. Pierolapithecus catalaunicus, a new Middle Miocene great ape from Spain. Science 306:1339-1344

F. Schrenk. 2010. In: Spektrum der Wissenschaft, Nr. 9/2010, S. 69

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