Praeanthropus (Orrorin) tugenensis

Zeitraum: spätes Miozän
Verbreitung: Ostafrika
Art: Pr. O. tugenenis
Schwestertaxa Pr. anamensis
Pr. africanus
Pr. bahrelghazali
Pr. garhi
Systematik
ein aus
 

Praeanthropus (Orrorin) tugenensis ist der Name eines ausgestorbenen Menschenaffen aus der Familie Hominidae, Gattung Praeantropus, der im späten Miozän in Ostafrika verbreitet war.

Die ältesten Funde im ostafrikanischen Rift Valley, die zu unserem Stamm gehören könnten, wurden in der Lukeino Formation in den Tugen Hills im Lake Baringo-Bezirk in Kenia ausgegraben.

In den Monaten Oktober und November des Jahres 2000 hat eine Gemeinschaftsexpedition (Kenya Paleontology Expedition, KPE), die vom Collège de France und den National Museums of Kenya organisiert wurde, bis zu 12 hominine Unterkiefer, Zähne und postcraniale Fragmente gefunden. Sie waren über vier Fundstellen der Lukeino Formation mit den Namen Cheboit, Kapsomin, Kapcheberek und Aragai verteilt. Ein unterer Molar mit der Bezeichnung KNM-LU 335, von Martin Pickford bereits im Jahr 1974 an der Funstelle Cheboit entdeckt, ist den Funden aus dem Jahr 2000 sehr ähnlich und wurde bei der Beschreibung der neuen Exemplare mit einbezogen.

Alter der Funde

Die Geologie der Lukeino Formation wurde von Pickford (1975) und Hill und Kollegen (Hill, 1999, 2002; Hill et al., 1985) beschrieben. Die zeitlich untere Grenze ist durch die Kabarnet Trachyte Formation markiert, deren Alter mittels Kalium/Argon Methode auf 6,7 ± 0,3 und 7,2 ± 0,3 Millionen Jahre datiert wurde (Pickford, 1975). Hill (2002) schrieb der Lukeino Formation ein Alter zwischen 6,2 und 5,6 Millionen Jahre zu. Nach Angaben seiner Entdecker ist Orrorin etwa 6 Millionen Jahre alt, was ihn in die Nähe des ersten Erscheines des Homininen-Stammes rückt.

Namensgebung

In ihrer Veröffentlichung der Funde gaben Brigitte Senut und Martin Pickford den Lukeino-Exemplaren den Spitznamen "Millennium Mann" (obwohl das Geschlecht garnicht bekannt ist). Außerdem war Streit aufgekommen, welche Forschungsgruppe nun eigentlich autorisiert war, Ausgrabungen am Lake Baringo durchzuführen (Butter, 2001). Trotzdem ist der "Millennium Man" eine sehr wichtige Entdeckung, und zwar wegen des Alters der Exemplare und der Tatsache, dass Zähne und postcraniale Skelettelemente erhalten sind, die es erstmals erlauben, die primitiven Merkmale unseres Stammes zu erforschen. Senut et al. (2001) stellten fest, dass der dicke Zahnschmelz, die kleinen Zähne relativ zur Körpergröße und die Form des Oberschenkelknochens nahe legt, dass die Überreste zu einem Hominiden gehören müssen. Diese Hominiden unterscheiden sich von Ardipithecus (mit dünnem Zahnschmelz) und von Australopithecus mit seinen größeren Zähnen und einem Oberschenkel, der Homo weniger gleicht als Orrorin. Senut et al. (2001) nannten die neue Gattung und Art Orrorin tugenensis. Ein fragmentarischer Unterkiefer (in zwei Stücken) mit der Bezeichnung BAR 1000 00 stellt den Holotypus dar und die restlichen Stücke, einschließlich des Molars mit der Bezeichnung KNM-LU 335 aus dem Jahr 1974, die Paratypen. Orrorin bedeutet "Ursprungsmensch" in der Sprache des Volksstammes der Tugen, während der Artname auf die Tugen Hills hinweist, in denen die Fossilien gefunden wurden.

Anatomie

Orrorin zeigt eine Mischung aus primitiven und abgeleiteten Merkmalen, so sind die Eckzähne, Schneidezähne und Vorbackenzähne (Prämolare) primitiv und menschenaffenähnlich und die Anatomie des Oberarmknochens (Humerus) und der Fingerknochen ist vergleichbar mit der eines kletternden Primaten. Abgeleitete Merkmalszüge erkennt man aber am Oberschenkelknochen, was bedeutet, dass es sich um einen zweibeinigen Primaten handeln könnte. Die Backenzähne, die relativ klein sind, sind von dickem Zahnschmelz überzogen - dicker als bei den Proto-Australopithecinen - obwohl Orrorin mit letzteren den primitiven Zustand des großen zentralen Schneidezahns teilt, ebenso wie den tiefen Unterkiefer.

Skelett- und craniale Überreste von Orrorin tugenensis (Praeanthropus)

Obwohl man glaubt, dass Orrorin zweibeinig war, fehlt bei dem gefundenen Femur (Oberschenkelknochen) die distale (körperferne) Gelenkfläche, welche eine Fortbewegung auf zwei Beinen zweifelsfrei belegen könnte. Pickford et al. (2002) bestätigen, dass der Oberschenkelknochen in mancher Hinsicht weniger entwickelt ist als bei den späteren, zweibeinigen Hominiden. Weniger klar ist die Bedeutung einiger Merkmale, die sogar noch menschenähnlicher sind als bei Australopithecinen. Dazu gehört der größere Oberschenkelkopf und dessen nach vorn orientierte Drehung und die mehr medial erscheinende (weniger nach hinten ausgerichtete) Orientierung des Trochanter minor [?]. Möglicherweise ist die Zweibeinigkeit, wie sie die Australopithecinen an den Tag legten, kein Mittelding zwischen Orrorin und Homo, und die Evolution der menschlichen Fortbewegungweise fand entweder eine indirekte Route oder aber - was sehr kontrovers diskutiert wird - dass alle bekannten Arten von Australopithecus von der menschlichen Linie auszuschließen sind.

Verwandtschaft

Senut et al. (2001) sehen in Orrorin einen direkten menschlichen Vorfahren, leider ist von dieser wichtigen Art nur wenig fossiles Material erhalten. Haile-Selassie (2001) hat wegen der niedrigen Kronen der Eckzähne heftige Kritik an den vorgebrachten Argumenten geübt, die Orrorins Platz auf der menschlichen Abstammungslinie belegen sollen, während eine Unterart des Ardipithecus (Ardipithecus kadabba) den gemeinsamen Vorfahren der Linien von Schimpansen und Menschen darstellen soll.

M. Pickford. 1975. New fossil Orycteropodidae (Mammalia, Tubulidentata) from East Africa. Orycteropus minutus sp. nov. and Orycteropus chemeldoi sp. nov. Netherlands Jounal of Zoology 25:57-88

A. Hill, R. Drake, L. tauxe, M. Monaghan, J. C. Barry, A. K. Behrensmeyer, G. Curtis, B. Fine Jacops, L. Jacobs, N. Johnson and D. Pilbeam. 1985. Neogene palaeontology and geochronology of the Baringo Basin, Kenya. Journal of Human Evolution 14:759-773

A. Hill. 1999. The Baringo Basin, Kenya: from Bill Bishop to BPRP. In: Late Cenozoic Environments and Hominid Evolution: a Tribute to Bill Bishop. pp 85-97, London: Geological Society

Y. Haile-Selassie. 2001. Late Miocene hominids from the Middle Awash, Ethiopia. Nature 412:178-181

B. Senut, M. Pickford, D. Gommery, P. Mein, K. Cheboi and Y. Coppens. 2001. First hominid from the Miocene (Lukeino Formation, Kenya). In: Comptes Rendus de Academie de Sciences Pans, Sciences de la Terre et des planeles / Earth and Planetary Sciences 332:137-144

M. Pickford, B. Senut, D. Gommery and J Treil. 2002. Bipedalism in Orrorin tugenensis revealed by its femora. Comptes Rendus Palevo, 1:191-203

A. Hill. 2002. Paleoanthropological research in the Tugen Hills, Keny. Jounal of Human Evolution 42:1-10

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