Babakotia radofilai ist der Name einer ausgestorbenen Primatenart aus der Familie Palaeopropithecidae innerhalb der Teilordnung Lemuriformes (Strepsirhini), der im mittleren und späten Holozän auf Madagaskar verbreitet war.
Der Name der Gattung Babakotia kommt von dem madagassischen Namen "babakoto" für Indri, einem engen Verwandten von Babakotia. Der Artname "radofilai" wurde zu Ehren des französischen Mathematikers und begeisterten Höhlenforschers Jean Radofilao gewählt, der die Höhlen kartierte, in denen erstmals Reste von Babakotia radofilai gefunden wurden (Godfrey et al., 1990).
Babakotia radofilai und alle anderen Palaeopropitheciden teilen viele Merkmale mit heute lebenden Faultieren aus Südamerika, was man in der Biologie als "konvergente Evolution" bezeichnet. Babakotia radofilai hatte lange Unterarme, gebogene Fingerglieder und äußerst bewegliche Hüft- und Fußgelenke. Der Schädel war schwerer gebaut als der von Indriiden, aber nicht so schwer wie bei seinen größeren Verwandten. Sein Gebiss ist ähnlich wie bei allen anderen Indriiden und Palaeopropitheciden. Babakotia radofilai lebte im nördlichen Teil von Madagaskar und sein Verbreitungsgebiet überlappte mit mindestens zwei anderen Palaeopropitheciden, Palaeopropithecus ingens und Mesopropithecus dolichobrachion.
Babakotia radofilai ernährte sich in erster Linie von Blättern, obwohl auch Früchte und harten Samen ein wichtiger Bestandteil der Ernährung waren. Babakotia radofilai ist nur durch subfossile Überreste bekannt und ist möglicherweise erst kurz nach der Ankunft der Menschen auf Madagaskar ausgestorben, aber um dies sicher zu wissen, müssen weitere Radiocarbondatierungen durchgeführt werden.
Babakotia radofilai ist der einzige Vertreter der Gattung Babakotia und gehört zur Familie Palaeopropithecidae, zu der noch drei anderen Gattungen gehören: Palaeopropithecus, Archaeoindris und Mesopropithecus. Die Familie Palaeopropithecidae wiederum gehört zur Teilordnung Lemuriformes, die alle madagassischen Lemuren umfasst (Mittermeier et al., 2006; Nowak, 1999). Die ersten subfossilen Überreste von Babakotia radofilai wurden bei einer Reihe von Expeditionen in den frühen 1980er Jahren entdeckt, die der Antropologe Elwyn Simons leitete (Godfrey und Jungers, 2003). Die Überreste wurden im Jahr 1988 in einer Höhle namens Antsiroandoha im Ankarana Massif im Norden Madagaskars ausgegraben. Zu den Überresten von rund einem Dutzend Individuen gehörte ein fast vollständiges Skelett und ein Schädel (Godfrey und Jungers, 2002).
Die Entdeckung von Babakotia beendete eine anhaltende Debatte über die Beziehungen von Palaeopropitheciden, Archaeolemuriden und heute lebenden Indriiden. Die Archaeolemuriden hatten Schädel, die zwar den Indriiden ähnelten, ihre Zähne waren aber viel spezialisierter. Auf der anderen Seite ähnelte das Gebiss der größeren Palaeopropitheciden den Indriiden, doch unterschieden sie sich durch robustere und spezialisiertere Schädel. Babakotia und Mesopropithecus haben nicht nur ein ähnliches Gebiss wie Indriiden, sondern auch ähnliche Schädel, ein Hinweis darauf, dass Palaeopropitheciden am ehesten mit heute lebenden Indriiden verwandt waren und die Archaeolemuriden als Schwestergruppe von beiden betrachtet werden kann (Mittermeier et al., 1994). Darüber hinaus zeigte die Entdeckung von Babakotia, dass die Vorfahren der Indriiden keine schwungvollen, schnellen Springer von Baum zu Baum waren, sondern vertikale Kletterer, die nur gelegentlich sprangen (Jungers et al., 1991).
Alle Palaeopropithecidae haben im Vergleich zu heute lebenden Indriiden einen relativ robusten Schädel (Nowak, 1999). Doch trotz gemeinsamer Merkmale der Schädelanatomie mit der größeren Palaeopropitheciden, ähnelt der Schädel von Babakotia immer noch dem eines eines Indri (Mittermeier et al., 2006). Die gemeinsamen Merkmale der Schädelknochen mit anderen Paleopropitheciden sind relativ kleine Orbita [?], robuste Jochbogen und ein meist rechteckiger Gaumen (Nowak, 1999). Die kleinen Orbita legen angesichts der relativen Größe des Kanals für den Sehnerv nahe, dass Babakotia nur eine geringe Sehschärfe besaß, was typisch für Lemuren ist (Godfrey et al., 2006). Der Schädel von Babakotia radofilai war durchschnittlich 14,4 Zentimeter lang (Godfrey und Jungers, 2002).
Babakotia radofilai hatte die gleiche Zahnformel wie die anderen Palaeopropithecidae und die Indriiden. Es ist unklar, ob einer der Zähne im bleibenden Gebiss ein Schneidezahn oder Eckzahn ist, was zu zwei gegensätzlichen Ergebnissen bezüglich der Zahnformel führte (Nowak, 1999; oder Godfrey und Jungers, 2002). Aber unabhängig davon, ob nun entweder ein unterer Eckzahn oder unterer Schneidezahn fehlt, das Resultat ergibt einen aus vier Zähnen bestehenden Zahnkamm anstatt dem sonst aus sechs Zähnen bestehenden, typischen Zahnkamm der Feuchtnasenprimaten (Strepsirhini). Babakotia radofilai unterschied sich mit etwas länglicheren Prämolaren geringfügig von Indriiden. Seine Backenzähne hatten breite Scherkämme und crenelirten Zahnschmelz (Godfrey und Jungers, 2002). Wie bei allen Palaeopropitheciden sind auch bei Babakotia radofilai die bleibenden Zähne früh durchgebrochen, ein Merkmal, das auch bei Indriiden beobachtet wird und das vermutlich die Überlebenschancen von Jugendlichen nach der Entwöhnung und der darauf folgenden Trockenzeit verbessert (Simons, 1997). Basierend auf der Größe und der Morphologie der Backenzähne und auf Analysen mikroskopischer Abnutzungsspuren glaubt man, dass sich Babakotia radofilai von Blättern ernährte und gelegentlich Früchte und harte Samen fraß (Mittermeier et al., 2006; Godfrey et al., 2006).
Mit einem Gewicht zwischen 16 und 20 Kilogramm war Babakotia radofilai ein mittelgroßer Lemur und somit deutlich kleiner als Archaeoindris oder Palaeopropithecus, aber immer noch größer als der kleine Mesopropithecus (Nowak, 1999; Mittermeier et al. 2006). In vielerlei Hinsicht zeigte Babakotia in Bezug auf suspensorisches Verhalten einen Grad an Anpassungen, der zwischen den großen Palaeopropitheciden und den kleinen Palaeopropitheciden lag. Dazu gehören die hohe Beweglichkeit der Hüfte und des Knöchels, sowie andere Spezialisierungen in der Wirbelsäule, dem Becken und der Beine (Simons, 1997). Die Vorderbeine waren um etwa 20% länger als die Hinterbeine, was bedeutet, dass Babakotia einen höheren intermembralen Index (~ 119) aufwies als Mesopropithecus (~ 97 bis 113), was wiederum darauf hindeutet, dass Babakotia den baumlebenden Faultieren sehr ähnlich war (Simons, 1997). Babakotia radofilai hatte eine reduzierte Fußwurzel (Tarsus) und gebogene, verlängerte Finger zum Greifen, was auf Anpassungen an suspensorisches Verhalten hinweist (Simons, 1997; Jungers et al., 1997). Die Hinterbeine sind reduziert, so dass Babakotia radofilai wie andere Palaeopropitheciden gut an das Klettern und Hängen angepasst war und nicht wie die heutigen Indriiden an das Springen (Mittermeier et al., 2006; Nowak, 1999; Godfrey und Jungers, 2002). Die Handwurzelknochen, die im Jahr 1999 gefunden wurden, zeigten außerdem, dass diese Spezies eine vertikaler Kletterer war (Hamrick et al., 2000). Darüber hinaus deuten Analysen der Bogengänge [?], der Lendenwirbel und ihrer Dornfortsätze [?] auf Anpassungen für langsames Bewegen und Klettern, aber nicht unbedingt auf Faultier-ähnliches Hängen, vertikales Festhalten oder Springen (Shapiro et al., 2005). Daher war Babakotia radofilai wahrscheinlich ein langsamer Kletterer ähnlich wie ein Lori, der sich aber auch auch ähnlich wie ein Faultier fortbewegen konnte (Godfrey und Jungers, 2003).
Wie alle anderen Lemuren war Babakotia radofilai endemisch auf Madagaskar. Seine Überreste wurden nur in Tropfsteinhöhlen im Ankarana Massiv und bei Anjohibe gefunden, was auf eine Beschränkung auf den äußersten Norden und Nordwesten der Insel hindeutet (Nowak, 1999; Godfrey und Jungers, 2002. Diese eingeschränkte Verbreitung des baumlebenden Babakotia radofilai, insbesondere während einer Zeit, als ein großer Teil der Insel von Wald bedeckt war, gibt einige Rätsel auf. Möglicherweise ist dies auf auf eine Lebensraumspezifität, auf Wettbewerb mit anderen Arten oder auf eine andere Unbekannte zurückzuführen (Burney et al., 1997). Babakotia radofilai war sympatrisch [?] mit Palaeopropithecus ingens und Mesopropithecus dolichobrachion (Godfrey et al., 1997).
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