Evolution der Primaten - Familie Notharctidae

Zeitraum: Eozän
Verbreitung: Europa, Nordamerika
Systematik
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Darstellung von Notharctus
Künsterische Darstellung von Notharctus

Die Mitglieder der vielgestaltigen Primaten-Familie Notharctidae waren im Eozän Nordamerikas und Europas weit verbreitet.

Sie gehören zu den bekanntesten aller fossilen Primaten, was zum großen Teil auf Gregory's (1920) klassischen Studien über das Skelett von Notharctus zurückzuführen ist, einer Primatenart, die aus dem mittleren Eozän sehr gut bekannt ist. Eine Reihe neuerer Detailstudien des Skeletts und der damit verbundenen Art der Fortbewegung kommen zu unterschiedlichen Auffassungen: Einige Autoren sind der Meinung, dass sich Notharctus im Geäst in aufrechter Körperhaltung springend fortbewegte, ähnlich wie die heutigen Sifakas (Propithecus). Andere folgern aus ihren Studien, dass Notharctus generalisierter war, sich vierbeinig durch das Geäst fortbewegte und nur gelegentlich von einem Ast zum anderen sprang.

Die Unterfamilie Notharctinae, zur der man heute nur noch die Gattung Copelemur zählt, lebte im frühen und mittleren Eozän Nordamerikas, während die meisten europäischen Formen durch die Unterfamilie Cercamoniinae (= Protoadapinae) repräsentiert werden. Mögliche Notharctiden sind auch aus Nordafrika, aus Arabien und aus Südasien bekannt. Sie scheinen nur durch wenige, eindeutige Apomorphien [?] verbunden zu sein. Notharctiden werden heute taxonomisch von den Adapiformes abgetrennt und in die eigene Familie Adapoidea gestellt.

Die Anatomie des Handgelenks und der Hand (kurze und lange Mittelhandknochen, Finger- und Zehenglieder angepasst ans Greifen) ist mit heute lebenden vierbeinigen Lemuren vergleichbar (Hamrick, 1996; Hamrick & Alexander, 1996). Der vierte Finger von Notharctus ist wie bei heute lebenden Lemuren der längste. Alles in allem ist es wahrscheinlich, dass Notharctus und seine Verwandten aktive, baumlebende Primaten waren, die in vielerlei Hinsicht bereits den Lemuren ähnelten, sich aber noch nicht vollständig auf vertikales Klettern und Springen spezialisiert hatten.

Frühere Systematiken zählen auch Cantius aus dem frühen Eozän zur Familie Notharctidae, heute sind die meisten Autoren jedoch der Auffassung, dass dieser Primat zur Familie Adapidae innerhalb der Adapiformes gehört. Cantius war sowohl in Nordamerika als auch in Europa verbreitet. Die nordamerikanischen Fossilien wurden lange Zeit als Pelycodus geführt, doch dieser Name wird heute nur noch für seltene, eng miteinander verwandte Notharctiden verwendet.

Die europäische Unterfamilie Cercamoniinae, die während des gesamten Eozäns existierte, scheint von von Cantius abzustammen. Bis heute sind mehrere Zweige der Cercamoniinae entdeckt worden. Ein Zweig wird von Europolemur vertreten. Diese Gattung umfasst mittelgroße Arten von 1 - 3 kg Körpergewicht (Fleagle, 1999), deren Gebisse Cantius ähneln, außer dass die oberen Molaren ein komplettes linguales Cingulum und einen cingularen Hypokonus aufweisen. Es gab eine Tendenz, die ersten Prämolaren zu verlieren und die unteren Prämolaren (P2) zu reduzieren. Teilskelette von Europolemur aus Messel in Deutschland weisen eine ähnliche Anatomie und ähnliche Proportionen wie Notharctus auf (Franzen & Frey, 1999).

Zähne von Anchomomys
Zähne von Anchomomys. Linke obere Molaren M1-3
Foto: Internet

Ein weiterer Zweig der Cercamoniinae ist durch die europäischen Gattungen Periconodon und Anchomomys vertreten, die mit 100 - 900 Gramm Körpergewicht viel kleiner als andere Gattungen waren. Anchomomys ernährte sich wahrscheinlich von Insekten und hatte einfache, scharfhöckrige Molare mit einem kleinen (oder fehlenden) Hypokonus. Die etwas größere Gattung Periconodon hatte mehr abgerundete Höcker und ein linguales Cingula mit einem gut entwickelten, hinteren Hypokonus sowie einem Höcker, der lingual zum Protokonus (genannt Perkonus, wonach die Gattung benannt ist) liegt. Omanodon und Shizarodon aus dem frühen Oligozän Arabiens waren kleine Primaten von der Größe eines Galagos, die möglicherweise mit Anchomomys verwandt waren.

Andere nennenswerte (mögliche) Cercamoniinae sind Djebelemur aus dem frühen Eozän Tunesiens, sowie die späteozänen Gattungen Aframonius aus Ägypten, Caenopithecus aus Europa und Mahgarita aus Texas. Die meisten Autoren sind sich einig, dass diese Gattungen zu den Adapiformes gehören, aber ihre genaue Beziehungen innerhalb der Gruppe sind problematisch. Dennoch zeugen sie von der enormen Ausbreitung der verschiedenen Adapiformes im Eozän.

Eine letzte Gruppe, die in der Vergangenheit von einigen Autoren manchmal in die Familie Notharctidae gestellt wurde, ist die Familie Amphipithecidae. Zu ihr gehören mehrere umstrittene südostasiatische Gattungen, die man vor allem von ihren Unterkiefern kennt. Pondaungia, Amphipithecus und möglicherweise Siamopithecus und Myanmarpithecus werden oft als frühe Eigentliche Affen (Anthropoidea) bezeichnet (Jaeger et al., 1998).

M. W. Hamrick. 1996. Locomotor adaptations refrlected in the wrist joints of early Tertiary primate (Adapiformes). American Journal of Physical Anthropology 100:585-604

M. W. Hamrick, J. P. Alexander. 1996. The hand skeleton of Notharctus tenebrosus (Primates, Notharctidae) and its significance for the origin of primate hand. Novitates. No. 3182:1-20

J. J. Jaeger, A. N. Soe, A. K. Aung, M. Benammi, Y. Chaimanee, R. M. Ducrocq, T. Tun. 1998. New Myanmar middle Eocene anthropoids. An Asian origin for catarrhines? CR Acad. Sci. Paris 321:953-959

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